Vom Stein der Weisen zum Geist der Dinge

Eine kleine Geschichte der Destillation

Dass Alkohol, in Maßen genossen, eine belebende Wirkung hat, wissen schon die Tiere im Walde. Wer einmal ein munteres Reh nach dem Genuss eines vergorenen Herbstapfels gesehen hat, weiß, warum das Tier im Fachlatein capreolus capreolus heißt.

Aber was hat die Natur mit dem Apfel angestellt, damit er dem Reh solch einen Genuss verschafft? Ganz einfach: Die in der Natur überall zahlreich vorhandenen Hefepilze fressen den Zucker der Früchte und scheiden dabei Alkohol und Kohlendioxyd aus. Das ist das ganze Geheimnis der alkoholischen Gärung!

Unseren felltragenden und keulenschwingenden Vorfahren dürfte dieses Phänomen nicht verborgen geblieben sein, und als sie sesshaft wurden, lernten sie, dass der geheimnisvolle Geist auch aus dem im Schweiße des Angesichts angebauten Getreide gelockt werden konnte: Ein 4500 Jahre alter ägyptischer Text handelt vom Bierbrauen, den Zutaten und Gerätschaften! Dass es im Pantheon der alten Griechen einen Gott gab, der ausschließlich für den Wein zuständig war, war dann nur folgerichtig. Schließlich ging es nicht nur um den Durst, sondern um den Geist, der den Genuss anregt, der wiederum den Geist anregt etc. pp.

Schon die alten Griechen...

Das Destillieren ist fast genau so alt. Die Methode, ein Gemisch verschiedener Flüssigkeiten anhand der unterschiedlichen Siedepunkte seiner Bestandteile aufzuspalten, war ebenfalls schon den Pyramidenbauern am Nil bekannt, die auf diese Weise aus Blüten und Wasser Duftessenzen destillierten. Und im Zweistromland wusste man ebenfalls schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, wie man das dort offen zu Tage tretende "Erdpech" mittels Destillation in seine Bestandteile zerlegen konnte.

Nur mit dem Alkohol dauerte es noch ein wenig: Zwar wussten sich 500 v.Chr. griechische Seefahrer mittels Destillation Trinkwasser aus dem salzigen Meerwasser zu verschaffen, und auch der große Aristoteles hatte schon die Ahnung geäußert, dass mit dieser Methode wohl auch der Geist aus dem Wein herausgeholt werden könnte, aber ob er es auch ausprobiert hat, wissen wir leider nicht. Der Römer wiederum war mit seinem Wein zufrieden, und auch der Kelte und Germane tat sich lediglich an allerlei Vergorenem gütlich. Höherprozentige Ambitionen hatten sie jedoch nicht, und so legte sich nach dem Ende des römischen Imperiums der dunkle Mantel der Geschichte über Europa.

Indes hütete man im arabisch-islamischen Kulturkreis das alte Wissen und forschte kräftig weiter, vor allem an der Erkenntnis der alten Ägypter, dass sich bei der Destillation auch wunderbarerweise Duft- und Aromastoffe konzentrieren lassen, und das aus Blüten und Knospen, die man in simplem Wasser eingelegt hatte, denn dem Alkohol war der Prophet bekanntlich abgeneigt. Dem Geist der Dinge kann man eben mit verschiedenen Methoden auf die Spur kommen!

Die Wundermethode der Alchimisten

Dies erkannten auch die Alchimisten des Mittelalters, die, wie ihre arabischen Kollegen die Destillation als das Werkzeug schlechthin benutzten, um den Dingen auf den Grund zu gehen, sie auf das Wesentliche zu konzentrieren und so vielleicht ihren zwei Zielen nahe zu kommen: zum einen den „Stein der Weisen“ zu finden, mit dem man unedle Metalle zu Gold verwandeln kann und zu anderen ein Universalheilmittel gegen alle Krankheiten zu schaffen: Das „Elixier“. Das erstere war von vorneherein aussichtslos, und dem zweiten näherte man sich immerhin mit der Entdeckung, den Geist des Weines mittels Destillation zu extrahieren. Und dieser Geist hat eben die wunderbare Eigenschaft, nicht nur Wirkstoffe und Geschmacksstoffe aus seinen Ausgangsmaterialien, aus Pflanzen und Früchten, herauszulösen, er nimmt sie auch beim Destillieren mit und konzentriert sie dabei.

Der Rest ist Geschichte und Technologie: Einmal entdeckt, widmeten sich Generationen von Brennern, Destillateuren, Alchimisten, Chemikern und Medizinern der Weiterentwicklung und Verbesserung des Verfahrens, der Ausgangsstoffe und Produkte. Dass Vater Staat dabei die Hand aufhält und bis in den letzten Winkel regelnd eingreift, ist dabei die fast schon selbstverständliche Kehrseite jeder genialen Idee.

Denn bis heute ist das Brennen und Destillieren faszinierend geblieben. Ein uraltes Handwerk, das uns immer noch die Suche nach dem Geist der Dinge ermöglicht, die Suche nach dem ursprünglichen Geschmackserlebnis. Diese Faszination können Sie in unseren Brennseminaren hautnah erleben und ihr eigenes „Elixier“ herstellen!

Sabine Fernengel | Kai Hofstetter

Brennseminar

Edle Früchte - edle Brände